Wie kommt der Swing in den Jazz?

Schön, dass man sich bei am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation einer überaus wichtigen Frage angenommen hat: Wieso fahren  bestimmte Musikstücke uns dermaßen in die Glieder, dass wir unversehens zu zappeln beginnen, mit den Fingern schnippen und „mitschwingen“ müssen? Anders gefragt: Was ist das Geheimnis des Swing? Der (Versuch einer) Antwort findet sich in einer schön geschriebenen Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft: Vorab sei verraten: Es ist kompliziert, und hat womöglich mit zeitlichen Mikroabweichungen vom eigentlichen Rhythmus zu tun, den Microtiming Deviations. Was die Wissenschaftler um den emeritierten Professor und Jazz-Saxophon-Spieler Theo Geisel nun im Detail herausgefunden haben, und wo man das im Original nachlesen kann, steht weiter unten.

Dem Swing kann man sich nur schwer entziehen: Trompeter in der Preservation Hall, New Orleans, 1989 (Foto: Michael Simm)

Jazz, aber auch Rock- oder Popmusik kann Zuhörer buchstäblich mitreißen. Unwillkürlich wippt man mit dem Fuß mit oder nickt rhythmisch mit dem Kopf. Zusätzlich zu diesem als Groove bekannten Phänomen kennen Jazzmusiker seit den 1930er-Jahren den Begriff des Swing – nicht nur als Stilrichtung, sondern auch als rhythmisches Phänomen. Bis heute aber tun Musiker sich schwer damit zu charakterisieren, was den Swing ausmacht. So schrieb etwa Bill Treadwell in seiner Einführung „What is Swing?“: „Du kannst es fühlen, aber du kannst es einfach nicht erklären“. Musiker und viele Musikbegeisterte haben intuitiv ein Gespür dafür, was Swing bedeutet. Musikwissenschaftler haben aber zweifelsfrei bisher nur ein eher offensichtliches Merkmal charakterisiert: Aufeinanderfolgende Achtelnoten werden nicht gleich lang gespielt, sondern die erste länger als die zweite (die Swing-Note). Das Swing-Verhältnis (englisch swing ratio), also das Längenverhältnis dieser Noten, nimmt oft einen Wert in der Nähe von 2:1 an, und man fand heraus, dass es bei höherem Tempo tendenziell kleiner und bei niedrigerem Tempo größer wird.

Darüber hinaus diskutieren Musiker und Musikwissenschaftler besonders auch rhythmische Schwankungen als Merkmal des Swing. So spielen Solisten gelegentlich für kurze Zeit merklich nach dem Beat, was im Fachjargon laid-back heißt. Aber ist dies für das Swing-Gefühl nötig, und welche Rolle spielen kleinere Abweichungen im Timing, die selbst erfahrene Zuhörer nicht bewusst wahrnehmen? Einige Musikwissenschaftler vertraten seit längerem die Meinung, dass Jazz nur dank solcher Schwankungen (zum Beispiel zwischen den verschiedenen Instrumenten) swingt. Forscherinnen und Forscher des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation und der Universität Göttingen kamen in ihrer empirischen Studie nun zu einem anderen Ergebnis. Demnach fühlen Jazzmusiker den Swing etwas stärker, wenn das Swing-Verhältnis während einer Darbietung möglichst wenig schwankt.

Motiviert wurden die Forschenden um Theo Geisel, Emeritus-Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, zu der Studie, weil sie sich nicht damit zufriedengeben wollten, dass das Wesen des Swings rätselhaft bleibt: „Wenn es Jazzmusiker fühlen, aber nicht eindeutig erklären können, sollten wir doch in der Lage sein, die Rolle der Mikroabweichungen operational zu charakterisieren, indem wir Aufnahmen mit originalem und systematisch manipuliertem Timing von ausgewiesenen Jazzmusikern bewerten lassen“, sagt Theo Geisel, der selbst Jazz-Saxophon spielt.

Also nahm das Team zwölf Stücke mit einem professionellen Jazzpianisten zu vorab generierten präzisen Rhythmus-Tracks von Bass und Schlagzeug auf und manipulierte dessen Timing auf drei verschiedene Arten: Sie eliminierten zum Beispiel alle zeitlichen Mikroabweichungen des Pianisten in dem Stück, das heißt sie quantisierten sein Spiel, dann verdoppelten sie die Mikroabweichungen und bei der dritten Manipulation invertierten die Göttinger Forscher diese. Wenn also der Pianist in der originalen Version eine Swing-Note 3 Millisekunden vor der durchschnittlichen Swing Note für dieses Stück spielte, so verschoben die Forscher die Note in der invertierten Version um den gleichen Betrag, also um 3 Millisekunden, hinter die durchschnittliche Swing Note. Anschließend bewerteten 160 Profi- und Amateurmusiker in einer online-Befragung, inwiefern die manipulierten Stücke natürlich oder fehlerhaft klangen und vor allem wie stark die verschiedenen Versionen swingen.

„Wir waren überrascht“, sagt Studienleiter Theo Geisel, „denn die Teilnehmer der Onlinestudie bewerteten im Schnitt die quantisierten Versionen der Stücke, also diejenigen ohne zeitliche Mikroabweichungen, sogar als etwas mehr swingend als die Originale. Mikroabweichungen sind also nicht zwingend für den Swing.“ Stücke mit verdoppelten Mikroabweichungen stuften die Testhörer als am wenigsten swingend ein. „Anders als wir ursprünglich erwarteten, hatte die Inversion der zeitlichen Mikroabweichungen lediglich bei zwei Stücken einen negativen Einfluss auf die Bewertungen“, so York Hagmayer, Psychologe an der Universität Göttingen. Wie viel Swing die Befragten den Stücken zuschrieben, hing dabei auch von ihrem musikalischen Hintergrund ab. Professionelle Jazzmusiker vergaben generell etwas niedrigere Swing Bewertungen – unabhängig vom Stück und von der Version.

Wer jetzt noch nicht durchblickt, dem helfen vielleicht die Musikbeispiele zu denen in der Pressemitteilung verlinkt wurde. Aber Achtung: Das swingt 😉

Am Ende der Studie fragten die Forscherinnen und Forscher die Teilnehmer, was ihrer Meinung nach ein Stück zum Swingen bringt. Die Befragten nannten weitere Faktoren wie das dynamische Zusammenspiel der Musiker, das Setzen von Betonung und Akzenten sowie die Interaktion von Rhythmus und Melodie. „Deutlich wird hierbei, dass der Rhythmus zwar eine große Rolle spielen mag, dass aber noch weitere Faktoren wichtig sind, welche in weiterer Forschung untersucht werden sollten“, sagt Annika Ziereis, neben George Datseris Erstautorin der Arbeit.

Quellen:

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