Politik vernachlässigt psychisch Kranke

San Diego. Mit einem leidenschaftlichen Playdoyer für mehr Unterstützung und Forschung zugunsten psychisch kranker Menschen wurde gestern die 46. Jahrestagung der US-amerikanischen Society for Neuroscience (SfN) eröffnet. Vor mehreren Tausend Zuhörern appelierte Shekhar Saxena, Leiter der Abteilung Geistige Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), an die Neurowissenschaftler, ihren Beitrag zu leisten und die Interessen der Patienten bei der Forschung immer im Blick zu behalten.

Das Kongresszentrum in San Diego ist alle drei Jahre Veranstaltungsort für die weltweit größte Versammlung von Hirnforschern. (Foto Bernard Gagnon / Wikipedia CC BY-SA 3.0)

Im Vergleich zu anderen Krankheiten würden psychische Erkrankungen weltweit massiv vernachlässigt, kritisierte Saxena. So begeht alle 40 Sekunden ein Mensch Selbstmord, jährlich sind es weltweit 800000. „Das sind mehr als durch Kriege, Malaria oder Brustkrebs“, verdeutlichte Saxena. Suizid sei inzwischen die häufigste Todesursache junger Menschen. Generell verkürzen demnach schwere psychiatrische Erkrankungen die Lebenserwartung um 15 bis 20 Jahre. „Solch ein Leiden zuzulassen ist ein Skandal für eine moderne Gesellschaft“, sagte der WHO-Funktionär.

Global gesehen arbeiten nur ein Prozent aller Angestellten im Gesundheitswesen mit und für psychisch Kranke. Hier gebe es eine gewaltige Lücke zwischen der Belastung einerseits und dem Budget andererseits. Selbst die reichen Länder verwenden nur etwa fünf Prozent ihres Gesundheitsetats auf psychische Leiden, und in den armen Ländern sinkt dieser Anteil auf bis zu 0,5 Prozent, berichtete Saxena.

„Viele Menschen bemessen die Kosten lediglich danach, wie viele Dollar verloren gehen“, sagte Saxena. „Aber auch nach diesem Maßstab ist es ein gewaltiges Problem.“ Weltweit wurden die Kosten für die Behandlung und die verminderte Produktivität der Betroffenen im Jahr 2010 auf 2,5 Billionen Dollar geschätzt. Den Hochrechnungen der WHO zufolge wird sich dieser Betrag bis zum Jahr 2030 auf 6 Billionen Dollar mehr als verdoppeln.

Volkswirtschaftlich betrachtet seien Investitionen in die psychische Gesundheit ein gutes Geschäft. Für Depressionen liegen zum Beispiel Berechnungen vor, die einen Ertrag von 5,3 Dollar je investiertem Dollar annehmen.

Psychisch Kranke werden indes nicht nur gegenüber anderen Patienten benachteiligt, nicht selten werden auch noch ihre Menschenrechte missachtet. Der Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und auch die Verweigerung alltäglicher Annehmlichkeiten seien nicht hinnehmbar, so Saxena. „Und kann man ein Land fortschrittlich nennen, in dem eine Million psychisch kranker Menschen im Gefängnis sitzt?“, fragte er in offensichtlicher Anspielung auf die Zustände in den USA. „Denken Sie mal darüber nach!“

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