Mitgefühl – Eine Tugend wird erforscht

Eigentlich könnte man den kommenden Festtagen gelassen entgegensehen – und vor allem den Ansprachen des Papstes und des Bundespräsidenten, die wie jedes Jahr zu Nächstenliebe und Mitgefühl aufrufen werden, zu mehr Solidarität und Engagement und weniger Gier und Geiz.

Denn wir waren gut. Wir haben uns auf dem Postamt angestellt und Päckchen und Kärtchen verschickt an Kunden, Freunde und die ferne Verwandtschaft, und diese mit Dank und Lob und kleinen Aufmerksamkeiten und Gebäck und frommen Wünschen bedacht. Wir haben auch alle Wunschlisten abgearbeitet und unsere Liebsten beschenkt. Und über 30 Millionen Deutsche haben in den vergangenen 12 Monaten Geld gespendet, gaben rund 3,5 Milliarden Euro für die Armen und Hungrigen in der Welt, für Tsunamiopfer und Kinderdörfer, fürs Rote Kreuz oder die Rettungsschwimmer.

Warum eigentlich?

Zunehmend interessieren sich Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen für diese Frage. Verhaltensforscher und Volkswirte, Psychologen und Psychiater, auch Mathematiker wollen den Ursprung menschlicher Tugenden wie Mitleid, Nächstenliebe oder Selbstlosigkeit verstehen. Nicht nur reine Neugier treibt die Forscher dabei um, sondern auch die Hoffnung auf neue Therapien gegen Krankheiten wie Autismus oder Schizophrenie, deren Opfer sich nicht oder nur zeitweise in andere Menschen hineinversetzen können. Andere wollen gar wissenschaftlich fundierte Techniken zur Selbstverbesserung entwickeln. So könnte man Gewalttäter wieder in die Gesellschaft integrieren, spekulieren sie. Wieder andere Forscher interessieren sich für die Wirkung religiöser Praktiken wie Meditation, Andacht und Versenkung auf das Gehirn. Sie halten es für möglich, daß die neuen Erkenntnisse auch ungläubigen Menschen den Weg zu Selbsterkenntnis und Besserung eben.

„In einer Zeit weltweiter Konflikte wird es immer wichtiger zu verstehen, wovon unser Verhalten gegenüber Fremden beeinflußt wird“, sagt Elisabeth Phelps, Professorin für Psychologie an der New York University. „Mitgefühl empfinden zu können verstärkt den Gemeinsinn und es verringert Feindseligkeiten“, so Phelps kürzlich auf der Jahrestagung der US-Gesellschaft für Neurowissenschaften in Washington D.C., wo zahlreiche neue Forschungsarbeiten zur Empathie vorgestellt wurden. Auf der gleichen Veranstaltung hatte auch der Dalai Lama für einen Vortrag vor 14000 Hirnforschern großen Applaus geerntet, bei dem der Friedensnobelpreisträger dafür plädierte, Wissenschaft und Religion sollten gemeinsam daran arbeiten, menschliches Leiden zu überwinden.

Pessimisten mögen auf Kriege und Terroranschläge verweisen, auf Massenentlassungen aus Profitgier und auf den Erfolg der „Geiz ist geil“-Kampagne. Es bleibt die Tatsache, daß unzählige Menschen Gutes tun, ohne dabei an sich selbst zu denken. Schon lange trachten Soziobiologen danach, dieses altruistische Verhalten im Sinne von Darwin´s Evolutionstheorie zu deuten: Vereinfacht gesagt kann demnach eine Art durchaus davon profitieren, daß Einzelne sich für die Gemeinschaft opfern. Dazu paßt, daß die Opferbereitschaft im Allgemeinen umso größer scheint, je enger die „Märtyrer“ mit den Nutznießern der Aktion verwandt sind.

Immer genauer zeigen Hirnforscher uns, welche Nervenschaltkreise an der Verarbeitung von Emotionen wie Liebe und Zuneigung beteiligt sind. Nur wenige Quadratzentimeter gross sind etwa die Areale, die auf computergenerierten Hirnbildern regelrecht aufleuchten, wenn Frauen oder Männer das Abbild ihrer Geliebten sehen. Der Schweizer Andreas Bartels, der heute am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen arbeitet, lokalisierte das  „neuronale Korrelat der romantischen Liebe“ in Teilen der „medialen Insula“ und des „anterioren Cingulus“ der Großhirnrinde, sowie in tiefer liegenden Arealen des „Nucleus caudatus“ und des „Putamen“. Etliche Experimente und Untersuchungen von hirngeschädigten Patienten haben gezeigt, daß auch negative Emotionen in ganz bestimmten Strukturen verarbeitet werden, beispielsweise Angst im sogenannten Mandelkern (Amygdala) und Ekel in der „Insula“ der Großhirnrinde sowie in tiefer gelegenen Nervenknoten, den Basalganglien.

Untersucht man Mütter mit einem Kernspintomographen, während sie Bilder ihrer Kinder anschauen, sieht man, daß bei ihnen der Energiebedarf in ganz bestimmten, miteinander verbundenen Hirnregionen zunimmt. Wie Alice Proverbio von der Universität Milan jetzt zeigen konnte, bestehen allerdings große Unterschiede in der Fähigkeit von Erwachsenen, die Stimmung fremder Babies richtig einzuschätzen. Als Proverbio 40 Probanden bat, anhand von schwarz-weiß-Bildern zu sagen, ob die gezeigten Säuglinge ängstlich-leidend oder zufrieden schauten, schnitten Eltern deutlich besser ab als diejenigen ohne eigene Kinder. Mütter wiederum waren bei dieser Aufgabe den Vätern klar überlegen. An ihren Hirnstromkurven läßt sich erkennen, daß sie schneller und deutlicher auf die verschiedenen Gesichtsausdrücke reagieren. „Dieser Versuch zeigt, daß unser Einfühlungsvermögen sowohl von den Genen abhängt, die ja bei Mann und Frau unterschiedlich sind, als auch von der Erfahrung, die etwa eine Elternschaft mit sich bringt“, sagte Proverbio.

In einem weiteren Experiment hat Catherine Bushnell an der McGill-Universität im kanadischen Montreal die nahe Verwandschaft von Mitgefühl und Schmerz belegt. Mütter schauten in diesem Versuch einen Video, bei dem ihre eigenen oder fremde Kinder die Hände in heißes Wasser hielten. Gleichzeitig hatten jedoch auch die Mütter ihre Hände in heißem Wasser. Anschließend wurden diese freiwilligen Versuchsteilnehmerinnen gefragt, wie schmerzhaft ihre eigene körperliche Erfahrung war und wie schlimm sie die Schmerzen der Kinder einschätzten. Dabei zeigte sich, daß die Mütter umso stärkere eigene Schmerzen berichteten, je größer der – vermutete – Scherz der eigenen Kinder war. Mit den fremden Kindern zeigte sich dieser Zusammenhang aber nicht.

Aus ähnlichen Versuchen stammen Hirnbilder, die nahelegen, daß Mitgefühl wie ein Spiegelbild funktioniert. Bei schmerzhaften wie auch glücklichen Geschehnissen werden im Gehirn nämlich jeweils bestimmte Nervenschaltkreise aktiv, und zwar unabhängig davon, ob man direkt betroffen ist oder „nur“ das Geschick eines Mitmenschen beobachtet, dem man sich verbunden fühlt.

Als nächstes will Bushnell erkunden, welche Faktoren darüber entscheiden, ob sich Mitgefühl gegenüber einem Fremden in Not einstellt. Warum lassen wir den einen Bettler buchstäblich links liegen und öffnen für den nächsten bereitwillig den Geldbeutel? Welche Rolle spielen dabei die eigenen Erfahrungen? Gibt es Unterschiede gegenüber Menschen verschiedener Herkunft, Rasse oder Nationalität? Eine der interessantesten Fragen aber lautet: Kann man Mitgefühl erlernen oder gar trainieren wie eine Fremdsprache oder einen Muskel?

Am Institut für Medizinische Psych. und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen will Privatdozent Martin Lotze dies mit seinen Kollegen herausfinden. Zunächst sollen freiwillige Medizinstudenten lernen, Kontrolle über Hirnregionen wie die Insula zu gewinnen, die normalerweise nicht willentlich beeinflußt werden können. Ein an einen Kernspintomographen gekoppeltes Computerprogramm macht den Erregungszustand der untersuchten Hirnregionen für die Probanden sichtbar und zeigt deren Veränderung, wenn sich die Studenten bestimmten Gedanken hingeben. Etwa der Hälfte gelingt es mit dieser Rückkoppelungstechnik sehr schnell, in zuvor unbewußte Reaktionen des Gehirns einzugreifen, berichtet Lotze. Ob dies auch für Kriegs- und Gewaltopfer funktioniert und ob gar Menschen mit „asozialen Persönlichkeitsveränderungen“ per Biofeedback auf den Pfad der Tugend finden, wollen die Forscher unter Leitung von Professor Niels Birbaumer ebenfalls herausfinden, doch muss sich die Methode erst bei Gesunden bewähren.

Ob das Gehirn sich wirklich auf mehr Mitgefühl trainieren läßt ist für Professor Manfred Spitzer eine offene Frage. Sicher scheint dem Direktor der psychiatrischen Uniklinik in Ulm allenfalls, daß „Ballerspiele“ und Gewaltdarstellungen in den Massenmedien das Gegenteil bewirken. Mag sein, daß Psychopillen, Verhaltenstherapien, Biofeedback oder andere Eingriffe ins Gehirn den Schaden in Zukunft werden beheben können. „Sinnvoller wäre es jedoch,“ erklärt Spitzer, „unsere Kinder würden menschliche Tugenden durch das Leben in der Gemeinschaft lernen – und dadurch, daß wir ihnen ein gutes Vorbild geben.“

Quelle:

  • Hauptsächlich die Jahrestagung der Society for Neuroscience, Washington D.C. 12.-16.11.2005.

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