War das gut? War das echt?

Vor den letzten Mysterien der Natur zeigt Gert Holstege wenig Respekt. Niemand außer dem Professor an der Anatomischen Abteilung der Universität Groningen hat es bislang gewagt, die Hirnaktivität beim menschlichen Orgasmus zu untersuchen. „Es ist unbefriedigend, derartige Dinge nur bei Ratten und Mäusen zu studieren“, rechtfertigt der Niederländer seinen Wissensdurst. Mit einem Positronen-Emissions-Tomographen (PET) ging Holstege dem Phänomen jetzt auf den Grund – und klärte dabei auch eine Frage, die vermutlich die halbe Menschheit umtreibt: Woran erkennt Mann den Unterschied zwischen einem echten und einem vorgetäuschten sexuellen Höhepunkt?

Auf der mit rund 29000 Teilnehmern bislang größten Konferenz zur Hirnforschung, der Jahrestagung der amerikanischen Society for Neuroscience, stieß Holstege mit seiner Studie auf reges Interesse. Besonders heikel war dabei der „Versuchsaufbau“. Um nämlich mit dem PET verwertbare Aufnahmen zu erhalten, müssen Kopf und Körper stille halten, was beim Geschlechtsverkehr eher schwierig ist. Außerdem mussten die weiblichen Probanden ihren Höhepunkt innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters von 40 Sekunden erreichen. Dies ist notwendig, weil die PET-Methode einen schwach radioaktiven Zucker zur Markierung aktiver Hirnzellen benötigt und weil dieser Zucker nach der Infusion in den Blutkreislauf binnen kürzester Zeit zerfällt.

Beide Herausforderungen meisterten alle acht Versuchsteilnehmerinnen dank der helfenden Hand ihrer Partner. Diese stimulierten die Klitoris der Frauen und brauchten ihre Freundinnen wie von den Forschern gewünscht nach annähernd sieben Minuten und 30 Sekunden zum Orgasmus. Zu diesem Zeitpunkt registrierte der PET-Scanner dann die Regionen im Gehirn, die besonders viel Energie verbrauchten. Zusätzlich wurden die Frauen aufgefordert, vor Beginn der Stimulationsphase einen Orgasmus vorzutäuschen und auch diesen Moment dokumentierten die Forscher mit einer PET-Aufnahme.

Die Unterschiede zwischen beiden Zuständen waren eindeutig. Vorgetäuschte und echte Orgasmen erzeugten jeweils charakteristische Muster der Hirnaktivität. So waren am vorgetäuschten Höhepunkt verschiedene Regionen in der Großhirnrinde beteiligt, die Bewegungen kontrollieren. An den echten, durch Blutdruckmessungen und Herzaktivität bestätigten, weiblichen Höhepunkten blieb dieser hochentwickelte Hirnteil dagegen still. Statt dessen war vor allem das ventrale Tegmentum (VTA) aktiv, das im obersten Teil des Hirnstammes liegt und ein benachbarter Bereich, die periaquäduktale graue Masse. Schäden in der letztgenannten Region führen bei Katzen zum Verlust des Paarungstriebs, weiß man aus früheren Experimenten.

Bei einer Studie mit männlichen Probanden, die Holstege im Vorjahr auf der gleichen Konferenz präsentierte, war ebenfalls das VTA auf den Hirnbildern aufgeleuchtet. Dieses Areal scheint der wichtigste Bestandteil eines Belohnungssystems zu sein, in dem auch verschiedene Drogen ihre Wirkung entfalten. So weiß man aus den Untersuchungen englischer Wissenschaftler, dass die Injektion von Heroin die gleichen Regionen aktiviert, die bei Holsteges „Orgasmus-Studien“ sichtbar wurden. Das „High“ nach Einnahme der Droge wird von Süchtigen zudem häufig mit dem Gefühl eines sexuellen Höhepunkts verglichen.

Gibt man Ratten die Möglichkeit, das ventrale Tegmentum mittels einer implantierten Elektrode zu reizen, so drücken die Tiere den Hebel dafür bis zur totalen Erschöpfung. Alle anderen Tätigkeiten wie Essen oder Trinken interessieren dann nicht mehr. „In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns kaum von Tieren“, stellt Holstege fest.

Auch nach der bildlichen Darstellung des menschlichen Orgasmus geht dem Anatomieprofessor die Arbeit nicht aus. Als nächstes will er untersuchen, wie der Botenstoff Dopamin sich beim sexuellen Höhepunkt im VTA anreichert und in der anschließenden Entspannungsphase neu verteilt. Vermutlich wird er auf der gleichen Konferenz im nächsten Jahr auch über diese „neuronalen Korrelate“ des menschlichen Sexualverhaltens berichten.

Quelle:

  • Jahrestagung der Society for Neuroscience, New Orleans, 2003, erschienen in der Süddeutschen Zeitung

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