Hirnforscher unter der Gürtellinie

Erstmals ist es Wissenschaftlern gelungen, jene Hirnregionen sichtbar zu machen, die während des menschlichen Orgasmus aktiv sind. „Wir wollten wissen, wie das beim Menschen funktioniert“, sagte der Anatomieprofessor Gert Holstege von der niederländischen Universität Groningen mit Blick auf Hunderte von Kollegen, die ähnliche Fragen bislang nur bei Ratten und Mäusen untersucht haben.

Mit seinem Doktoranden Janniko Georgiadis hatte Holstege zunächst 13 „ganz normale Männer“ untersucht, „die nur ein wenig trainieren mussten.“ Zwei Schwierigkeiten galt es während der Messungen mit einem so genannten PET-Scanner zu überwinden: Die Versuchspersonen durften sich nicht bewegen und sie mussten ihren Höhepunkt innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters von 40 Sekunden erreichen.

Wie Holstege jetzt auf der Jahrestagung der Society for Neuroscience in Orlando berichtete, lieferten die Freundinnen der Probanden den Schlüssel zum Erfolg. Sie stimulierten ihre Partner per Hand, wobei es sechs von ihnen gelang, den Versuchspersonen innerhalb von annähernd sieben Minuten und 40 Sekunden zum Orgasmus zu verhelfen. Zu diesem Zeitpunkt registrierte der PET-Scanner dann die Regionen im Gehirn, die besonders viel Energie verbrauchten.

Die Forscher fanden bei allen Männern ein extrem starkes Signal aus dem obersten Teil des Hirnstammes. Hier leuchteten auf den Schnittbildern drei Areale auf: das ventrale Tegmentum, der subparafaszikuläre thalamische Kern und das lateral zentrale tegmentale Feld. Inzwischen hat Holstege den Versuch auch mit weiblichen Probanden gemacht und heraus gefunden, dass dort die gleichen Hirnregionen aktiv werden. Bei den Männern zeigte zusätzlich noch die Sehrinde eine erhöhte Aktivität, obwohl die Augen der Versuchspersonen geschlossen waren. „Es ist möglich, dass sie während ihrer Erfahrung auch die bildliche Vorstellungskraft bemühten“, erklärt Holstege.

Das extrem intensive Gefühl eines Orgasmus resultiere jedoch aus der Aktivierung der tiefer gelegenen Areale, so Holstege. Das dort gelegene ventrale Tegmentum (VTA) scheint der wichtigste Bestandteil eines Belohnungssystems zu sein, in dem auch verschiedene Drogen ihre Wirkung entfalten. So weiß man aus den Untersuchungen englischer Wissenschaftler, dass die Injektion von Heroin die gleichen Regionen aktiviert, die nun auch bei der „Orgasmus-Studie“ sichtbar wurden. Das „High“ nach Einnahme der Droge wird von Süchtigen zudem häufig mit dem Gefühl eines sexuellen Höhepunkts verglichen.

Gibt man Ratten die Möglichkeit, das ventrale Tegmentum mittels einer implantierten Elektrode zu reizen, so drücken die Tiere den Hebel dafür bis zur totalen Erschöpfung. Alle anderen Tätigkeiten wie Essen oder Trinken interessieren dann nicht mehr. „In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns kaum von Tieren“, stellt Holstege fest.

Ihre Forschungsergebnisse hatten die Niederländer zunächst bei den beiden grössten Wissenschaftsjournalen „Science“ und „Nature“ zum Abdruck eingereicht. Beide hätten jedoch die Veröffentlichung abgelehnt mit der Begründung: „Das interessiert unsere Leser nicht.“

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