Musik gegen das Klingeln im Ohr – mit dieser Strategie wollen Forscher am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg Patienten helfen, deren Beschwerden mit herkömmlichen Therapien nicht nachlassen. Wie die Einrichtung gestern in einer Pressemitteilung bekannt gab, wird die neuro-musiktherapeutische Behandlung gegen akuten Tinnitus bereits seit Anfang 2011 klinisch überprüft, und weiter:
Nun haben die ersten zehn Studienpatienten die Therapie erfolgreich durchlaufen. Die vorläufigen Behandlungsergebnisse sind sehr vielversprechend. Bei allen zehn Patienten hat sich die subjektive Tinnitusbelastung klinisch bedeutsam um bis zu 82 Prozent verringert. Weiterhin gelang es, die täglich kontrollierte Tinnitusfrequenz in der Tonhöhe zu flexibilisieren und die Lautstärke des Ohrgeräusches spürbar zu reduzieren.
Ermutigt durch diesen Erfolg sucht man nun nach weiteren Patienten ab 18 Jahren, deren Tinnitus seit maximal acht Wochen andauert, und die trotz einer bereits erfolgten Akutbehandlung noch stark unter ihrem Tinnitus leiden.
Das Leiden zählt zu den häufigsten Erkrankungen im Bereich HNO (Hals-Nase-Ohren). Moderate bis unerträgliche Ohrgeräuschen plagen nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Innerhalb der ersten drei Erkrankungsmonate stehen zwar verschiedene durchblutungsfördernde sowie entzündungshemmende Medikamente als Therapiemöglichkeit zur Verfügung. Laut Pressemitteilung bewirken diese jedoch nur bei weniger als der Hälfte aller Patienten eine Auflösung oder eine deutliche Verringerung der Krankheitszeichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ohrgeräusche sich verselbstständigen und zur Dauerbelastung werden (chronifizieren) ist demnach sehr hoch.
Dieser Entwicklung wollen die Heidelberger Wissenschaftler mit ihrer Behandlung entgegen wirken. Ihre Musiktherapie soll im Rahmen einer fünftägigen Kompaktwoche von Montag bis Freitag stattfinden. Die Teilnahme ist kostenlos, jedoch müssten die Patienten bereit sein, umfangreiche Untersuchungen zu durchlaufen, darunter auch zwei mal die Aufnahme eines “Hirnscans” im Kernspintomographen (MRT) enthält.
Weitere Informationen zur Studie können Interessierte erhalten unter der Telefonnummer 06221-79 63 961 montags bis freitags von 09.00 – 12.00 Uhr sowie per E-Mail an miriam.grapp@dzm-heidelberg.de.
Die Heidelberger “Kompakttherapie” sei die effektivste Behandlungsform, hieß es zwar bereits in einer Pressemitteilung aus dem August 2010, es gibt jedoch auch andere Studien und Einrichtungen die Ergebnisse mit einer Musiktherapie gegen Tinnitus zurückhaltender bewerten.
Laut dem Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse der Universität Münster etwa profitierten “nur” die Hälfte von 20 Versuchsteilnehmern, denen Dr. Henning Teisman dort an fünf aufeinander folgenden Tagen speziell bearbeitete Musikdateien vorgespielt hatte. Auf diesen Lieblingsstücken der Patienten hatte Teisman zuvor jeweils genau jene Frequenzen herausgefiltert, die der individuellen Tinnitus-Wahrnehmung entsprachen. Dies funktionierte allerdings nur für Frequenzen, die nicht größer waren als acht Kilohertz und auch hier war der Erfolg nur von begrenzter Dauer. Das Fazit dieser Studie (über die ich in einem Beitrag für “Das Neueste aus der Medizin 2012/2013” berichtet habe) lautete daher, dass eine spezielle Musiktherapie gegen Tinnitus zwar einem Teil der Patienten helfen kann, dass diese Behandlung aber über einen längeren Zeitraum erfolgen müsse, damit sich eine nachhaltige Wirkung einstellt.
Eine bewährte Methode, die vielen Patienten Linderung bringt, ist laut Tinnitus-Liga die Kognitive Verhaltenstherapie. Sie kann, wie einer weiteren aktuellen Pressemitteilung der Universität Mainz zu entnehmen ist, möglicherweise sogar durchs Internet erfolgreich angewandt werden: Gemeinsam mit einer schwedischen Arbeitsgruppe hat Dr. Maria Kleinstäuber an der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie eine solche Therapie in einen Online-Kurs umgemünzt und war damit fast ebenso erfolgreich wie bei einer Vergleichsgruppe, die die Kognitive Verhaltenstherapie auf traditionelle Weise in der Praxis erhalten hatte. Auf der Skala “Tinnitus Handicap Inventory”, waren die Beschwerden nach der Internettherapie von durchschnittlich 40 auf 29 Punkte gesunken und in der Praxis von 44 auf 29 Punkte. In einer zweiten Vergleichsgruppe, die lediglich an einer Online-Diskussion teilgenommen hatte, besserte sich der Tinnitus dagegen kaum (40 auf 37 Punkte), sodass Kleinstäuber zu dem Schluss kam: “Unser Internet-basiertes Therapie-Konzept war sehr effektiv bei der Verringerung der Tinnitus-Belastung oder – anders gesagt – konnte das Training die Toleranz der Patienten gegenüber den Geräuschen deutlich erhöhen.”







